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Die schnellste Rollstuhlsportlerin der Welt macht aus der Premiere ein Abenteuer

Rollstuhlsportlerin Catherine Debrunner trainiert für ihr Marathon-Debüt auf der Strasse in Papendal – begleitet von Coach Arno Mul auf dem Fahrrad.

Bild: Rainer Sommerhalder

Hat diese Frau denn unendlich Energy? It’s ist ein sonniger Tag im holländischen Olympiastützpunkt Papendal. Die besten Leichtathletinnen und Leichtathleten des Landes bereiten sich auf kommende Grosstaten vor. Mittendrin zwei Schweizerinnen – die eine zu Fuss, die andere im Rollstuhl. Sprinterin Ajla Del Ponte und Paralympics-Siegerin Catherine Debrunner trainieren 700 Kilometer von der Heimat entfernt. Sie sind ihren Trainern ins sportliche Herz der Niederlande gefolgt.

Während ihre drei männlichen Trainingskollegen zwischendurch immer wieder mal eine Pause einlegen, spult die 27-jährige Thurgauerin Catherine Debrunner Runde um Runde ab. Am Ende der intestine zweistündigen Einheit werden is mehr als 38 Kilometer sein. Dabei ist die Spezialdisziplin der ehemaligen Primarlehrerin doch die Bahnrunde über 400 Meter.

Doch Debrunner denkt in diesen Wochen und Monaten Grösser – oder besser gesagt Länger. Am Sonntag wird sie in Berlin ihren ersten Marathon bestreiten. Und eine Woche später in London als Dessert vor den Ferien gleich den zweiten. So etwas scheint bei den gehenden Elite-Athleten unmöglich.

Abenteuer als Ersatz für fehlende Grossanlässe

Hollands paralympischer Cheftrainer Arno Mul ist begeistert vom Trainingsfleiss seines Schweizer Schützlings. «Catherine ist enorm ehrgeizig. Ich kenne niemanden, der so viel trainiert wie sie.” Er sagt auch, man müsse sie viel eher bremsen als pushen. Zehn Einheiten professional Woche absolviert die im Kanton Luzern wohnhafte Rollstuhlsportlerin, die seit einigen Monaten alles auf die Karte Sport setzt und als Profi unterwegs ist.

Dies ausgerechnet im Jahr nach den erfolgreichen Paralympics von Tokio. Während in der Leichtathletik mit WM und EM ein volles Programm stattfand, gab es für die Sportlerinnen und Sportler im Rollstuhl keinen Grossanlass. Auch ein Grund, wieso sich Catherine Debrunner erstmals auf die prestigeträchtige Marathondistanz wagt. Für sie ist dieses neue, unbekannte Ziel Motivationsquelle für das Coaching.

Im Frühjahr schwingen beim Erzählen über ihr Projekt noch einige Zweifel mit, wenige Tage vor dem Begin in Berlin strahlt sie grosse Zuversicht aus. Sie fühlt sich definitiv bereit, hat inzwischen beim Fahren auf der Strasse oder beim Steuern in engen Kurven grosse Sicherheit erlangt.

Den Magen und den Rücken auf die neue Herausforderung vorbereiten

Auch scheinbar profane Dinge wie das Trinken unterwegs wurden mit Arno Mul regelmässig geübt. Erstens ist sich die Ostschweizerin dies von den Bahnrennen her nicht gewohnt, zweitens ist auch die Verdauung der Getränke in der nicht gerade komfortablen Sitzposition auf dem Rennrollstuhl anspruchsvoll. Um vor Rückenschmerzen verschont zu bleiben, hat sie das Krafttraining angepasst.

“Auch psychological bin ich gerüstet. Ich habe das Gefühl, über alle Werkzeuge zu verfügen, die es in Berlin und London braucht”, sagt Catherine Debrunner. Die Strecke in der deutschen Hauptstadt gilt als sehr schnell, der Kurs in England als technisch äusserst anspruchsvoll. Sie sei aufgeregter als vor einem normalen Rennen. “Es ist eine Mischung aus Nervosität und Vorfreude.” Besonders freut sie sich auf die vielen Zuschauer am Streckenrand. Eine Erfahrung, die den Rollstuhlsportlern nicht oft vergönnt ist.

Spass haben, doch der Ehrgeiz fährt mit

Das doppelte Marathon-Debüt soll vorerst ein spannender Abstecher bleiben. Für die Paralympics 2024 in Paris fokussiert sich die Schweizerin auf die Bahn. Catherine Debrunner selbst hat sich für Berlin und London die Vorsätze «Spass haben und Erfahrungen sammeln» auf die Fahne geschrieben.

Selbst wenn es mit ihren diesjährigen Motivationsquellen so eine Sache ist. Beim grossen Assembly in Nottwil im Frühling stellte die 27-Jährige gleich vier Weltrekorde auf der Bahn auf. Beim Abstecher auf die grosse Bühne bei Weltklasse Zürich gewann sie das Verfolgungsrennen vor den Stars der Szene, Manuela Schär und Marcel Hug.

“Wenn is läuft, dann läuft is”, sagt Catherine Debrunner mit einem Lächeln im Gesicht. Es sei in der Tat ein aussergewöhnliches Jahr, die sportlichen Erfolge aber irgendwie auch logisch. “Schliesslich richte ich mein Leben ganz auf den Sport aus und habe viel in die Waagschale geworfen.”

Zwischen den beiden Marathons will Catherine Debrunner zur Erholung übrigens «ein minimales Tagesprogramm absolvieren». Wer die junge Frau kennt, weiss, dass diese Zielsetzung vielleicht sogar die grösste Herausforderung der kommenden Tage sein wird.

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